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Über den Lügner-Film

 

Über den Lügner-Film

Stanisław Styczyński

Freiheit des Wortes – Freiheit des Bildes 2/02/2013

[Übersetzung – Krzysztof Żak]

 

[Kanadische Firma Cineflix hat 2012 in Zusammenarbeit mit National Geographic Channel im Rahmen der Reihe “Mayday – Alarm im Cockpit” die Produktion eines Films über den Flugzeugabsturz bei Smoleńsk angekündigt, in dem der Präsident von Polen Lech Kaczyński starb. Da sich aus dem ursprünglichen Titel “Following Orders” (“Den Befehlen folgend”) und aus dem Plan des Filmes ergab, dass er anhand des russischen MAK-Katastrophenberichts gedreht werden soll (und viele Behauptungen dieses Katastrophenberichtes haben sich inzwischen als Propaganda-Lügen erwiesen), schrieben viele empörte Menschen an Cineflix und National Geographic und verlangten die Wahrheit in diesem Film. Cineflix hat damals beruhigende Briefe als Antwort versandt, in denen versprochen wurde: “We can assure, that if we decide to proceed with an episode of Air Crash Investigation (a.k.a. Mayday) about the crash it will be subject to the same strict standards that have been applied to other episodes of the series”. Entgegen dieser Versprechung wurde der Film, der letztendlich den Titel “Tod des Präsidenten” erhielt, und der am 27. Januar 2013 im Fernsehen gezeigt wurde, doch anhand des verlogenen russischen Katastrophenberichtes gedreht und die inzwischen aufgedeckten Tatsachen wurden völlig außer Acht gelassen.]

 

National Geographic Channel wird in die Geschichte als Produzent eines Lügner-Films eingehen. Solche und ähnliche Feststellungen kommen einem unwiderstehlich in den Sinn, wenn man an die Produktion des Films denkt, der die größte Lüge des 21. Jhs. bekräftigt, und zwar den Bericht von MAK [russischer Kommission, die die Smoleńsk-Katastrophe untersuchte] mit seiner Führerin General Anodina.

 

[Appell der Bürgerinitiative "Solidarni 2010" an Cineflix und National Geographic:]

 

»Damen und Herren von Cineflix und National Geographic,

 

wir haben Ihre völlig unzulängliche, sehr überraschende Antwort gelesen. Sie senden den Film (“Tod des Präsidenten”), der ausschließlich anhand der “offiziellen Berichte” der russischen MAK-Kommission und der polnischen Regierungskommission von Jerzy Miller entstand, ohne die Stellungnahme von anderen offiziellen Institutionen, auch der polnischen Militärstaatsanwaltschaft, in Betracht zu ziehen. Und die Untersuchung ist doch noch nicht abgeschlossen.

 

Die wichtigsten Beweismittel – u.a. das Flugzeugwrack und die Flugrekorder – wurden von Russland an Polen nicht zurückgegeben und in Berichten der beiden oben genannten Kommissionen wimmelt es nur so von heute klar auf der Hand liegenden, bewiesenen Lügen und Verdunkelungen. Keine chemischen Untersuchungen wurden im Zusammenhang mit der von der polnischen Militärstaatsanwaltschaft (das ist ja auch eine offizielle Behörde) bestätigten Anwesenheit von Trotyl auf Flugzeugwrack durchgeführt. Trotyl wurde dank der Anwendung moderner Indikatoreinrichtungen festgestellt (erst fast zweeinhalb Jahre nach der Katastrophe!).

 

Und Sie wissen ja über die Katastrophe fast alles. Sie haben Zutritt zu den öffentlich zugänglichen Informationen: zu Analysen hervorragender Professoren, darunter auch von Prof. Wiesław Binienda, Preisträger vieler Preise von NASA, zu Ergebnissen der Ermittlungen der Parlamentskommission von Antoni Macierewicz, zu Film von Anita Gargas "Anatomie des Unterganges" ("Anatomia upadku"). Die Bloggerin aus Kanada Monika Logwiniuk hat Ihnen viele Monate lang wichtige Informationen und Anfragen zukommen lassen, Sie bekamen auch unzählige E-mails mit Protesten.

 

Ungeachtet all dessen haben Sie sich dennoch entschieden, in Ihrem Film skandalöse Lügen und Manipulationen zu verbreiten. Es ist peinlich, feststellen zu müssen, dass das mit den Standards, von denen Sie in der Antwort auf unseren Brief schreiben, in keiner Weise übereinstimmt. Die Parlamentskommission von Antoni Macierewicz ist ja auch ein offizielles polnisches Organ. Der Sejm hat nicht nur die gesetzgebende Gewalt, sondern übt auch die Kontrolle über die vollziehende Gewalt aus.

 

Immer mehr Personen und Institutionen in ganzer Welt stellen Fragen, auf die wir eine eindeutige Antwort erhalten möchten, die unsere Zweifel zerstreuen könnte:

 

- Welche Bedeutung für die Entscheidung über die Filmproduktion hatten die mit Russland im November 2010 abgeschlossenen Verträge, die gemäß den im Internet zugänglichen Informationen die Steigerung der Gewinne Ihrer Firma um 300 % ermöglicht haben? Wer ist der Hauptsponsor des Filmes "Tod des Präsidenten”?

 

- Welchen wirklichen Einfluss auf die Gestaltung der Filmfabel anhand der kompromittierenden "Ermittlung" von MAK und Miller-Kommission hatte die Verkaufsmanagerin bei Cineflix International, Caroline Schroeder?

 

- Ist die ausführende Produzentin des "Mayday"-Filmes über die Katastrophe bei Smoleńsk die Russin Marianna Jarowskaja, Autorin der Dokumentarfilme?

 

- Aus welchem Grund - wenn es wahr ist - wurde früher eine der in Cineflix arbeitenden Russinnen nach Russland ausgeliefert? War der Grund die "Zusammenarbeit" mit Putin?

 

Es ist auch sehr nachdrücklich zu fragen, warum Sie in Polen zwei Erstaufführungen veranstaltet haben: eine davon ausschließlich für die Journalisten, die der Regierung zugeneigt sind (die für das Abgeben der Ermittlung an Russland und das skandalöse "Verfahren" verantwortlich ist)? Auf diese Journalisten berufen Sie sich jetzt ausschließlich ("favorable review").

 

Warum haben Sie keinen Artikel jener Journalisten verlinkt, die der zweiten Erstaufführung beiwohnten? Was hat das mit der Journalisten-Ehrlichkeit zu tun?

 

Wir appellieren an Sie: nehmen Sie von der Sendung dieses Filmes Abstand, der für immer den guten Ruf Ihrer Firma in Frage stellt. Noch ist es nicht zu spät. Die Wahrheit kommt bald ans Tageslicht. Dann erfährt die Welt die wahren Umstände der Katastrophe und vergleicht sie mit dem Film von National Geographic. Wird jetzt von seiner Sendung abgesehen, so kann er später kein Schandfleck sein«.

 

Der oben angeführte Appell wird massenhaft von Polen an fünf E-mail-Adressen versandt:

cineflixmayday12inc@cineflix.com;

pressroom@ngs.org;

askngs@nationalgeographic.com;

info@cineflix.com;

gsalzman@cineflix.com

in der Hoffnung, dass es in der Welt mehr Menschen gibt, die die einfache menschliche Ehrlichkeit schätzen und den Protest der Polen unterstützen.

 

*

 

»Ich bin mir sicher, dass jedes große westliche Fernsehen, das dieses Thema aufnehmen würde, einen sehr ähnlichen Film auf den Markt brächte, wie dieser von National Geographic. Aus dem Schmerz und der Ratlosigkeit erwachsen bittere Worte: "Die Regierung ist schuld, dass die Welt an die russische Version glaubt". In der Tat hat die Tusk-Regierung nichts versäumt, um das russische Szenario zu festigen. Aber die Wahrheit ist viel brutaler: die Welt glaubt an die Version der Russen, weil sie daran glauben will. Gleichermaßen betrifft das die westlichen Medien und Politiker«. Das sind Worte von Wojciech Wencel ("Gazeta Polska" /"Polnische Zeitung"/ vom 30.01.2013) über den Film von National Geographic "Tod des Präsidenten". Der Verfasser erinnert an die stinkenden und schmutzigen Tatsachen aus der Geschichte, die in jeder Zeit für viele unbequem, aber unerbittlich wahr waren, und schreibt weiter:

 

»Naiv ist der polnische Glaube, dass die Diplomatie der demokratischen Mächte irgendeine moralische Ordnung respektiert. (...) Ich habe den Eindruck, dass viele Polen nicht dessen bewusst sind, was war das Wesen des Verrates der Alliierten des zweiten Weltkriegs in Teheran und Jałta. Woche für Woche, Monat für Monat wurden wir damals zu Aussatz auf dem vom Kriegsstaub gewaschenen Körper der sog. "freien Welt". Noch bevor der polnischen Exilregierung endgültig die Anerkennung genommen wurde, hatte man Zeitungen zensiert und geschlossen und die westlichen Diplomaten und Publizisten hatten ungeniert die polnische "Megalomanie" angeprangert, die die Beziehungen zu Russland störe. (...)

Nach diesem Umbruch hat die "zivilisierte Welt" aufgehört, mythischer Wächter der Menschlichkeit, Schiedsrichter der Moral, Bürge der Bündnistreue und Zeuge des [kommunistischen] "Verbrechens ohnegleichen" zu sein. Diese Welt hat wenig mit dem Geist der Wahrheit und Freiheit zu tun. Sie ist ein Schuft, der sich niemals der Verantwortung für eigenen Verrat stellte« - schreibt Wojciech Wencl

Und doch ist dieser Glaube nicht zu töten, da er über den Regierungen und Diplomatie bleibt und am tiefsten dort gewurzelt ist, wo die politischen Kalkulationen nicht gelten - er lebt in den Menschen. Deswegen bin ich fest überzeugt, dass die Polen nicht aufgeben und dass sie niemals aufhören, die Wahrheit über die Katastrophe bei Smoleńsk zu verlangen, genauso, wie sie niemals vergessen haben, die Wahrheit über den Katyń-Mord zu fordern.

 

Diese Briefe, die Polen heute unterschreiben und im Internet versenden, werden wohl besser von einfachen Bürgern in der Welt, als von den Regierungen und Diplomaten verstanden. Es ist die höchste Zeit, damit die einfache Menschen, Bürger der Welt, einander besser verstehen und unterstützen, eingedenk eigenes erlittenen Unrechts, und dass sie sich von angeblichen Demokratie-Verfechtern nicht weiter Sand in die Augen streuen lassen.

 

Jeder Protestbrief, aus welcher Ecke der Welt auch immer an die oben genannten Adressen versandt, wird nicht nur gemeisame Sache, sondern auch den Absender selbst unterstützen.